Gänsegeier, Kaunertal, August 2026
Das Spannende beim Fotografieren draußen in der Natur ist, dass man nie weiß, was der Tag bringen wird. Immer wieder gibt es Tage, die man aus Sicht des reinen Fotografen vergessen kann. Diese Tage sind für mich trotzdem wertvoll, weil es praktisch immer etwas Interessantes zu erleben gibt, auch wenn ich ohne Fotos heimgehe. Tiere, Pflanzen, Landschaft, Stimmungen. Auf meinen Touren treffe ich tatsächlich nur selten auf andere Menschen. Aber auch das seltene Gespräch mit einem Gleichgesinnten kann das Highlight des Tages sein.
Aber dann gibt es auch Tage, an denen man mit einem besonderen Wildtier-Erlebnis nach Hause geht. Vielleicht sogar mit einem guten Bild auf der Speicherkarte. Letzter Sonntag war so ein Tag. Um sechs Uhr klingelte der Wecker, eine vergleichbar gnädige Aufstehzeit, trotzdem musste ich mich aufraffen, nach einer anstrengenden Arbeitswoche ist das manchmal nicht so leicht. Kurz Ausrüstung checken: Kamera, Akkus, Fernglas. Noch schnell Jause und Getränk in den Rucksack, dann aufs Motorrad schwingen und los geht's taleinwärts.
Meine letzte Bartgeier-Sichtung lag inzwischen bereits drei Wochen zurück. Jetzt, in der Zeit nach der Brut, bzw. in diesem Fall, nach dem leider gescheiterten Brutversuch, ist eine Phase, in der die Bartgeier weniger ortsgebunden sind. Bald beginnt wieder die Brutphase und ihr Leben wird sich wieder stark um das Gebiet um den Horst zentrieren. Das deckt sich zumindest mit meinen bisherigen Beobachtungen. Dennoch war es an der Zeit, wieder einmal nachzusehen, wie es um das Brutpaar steht.
Kein gutes Foto, trotzdem spannend und möglicherweise ein Vorbote für weitere tolle Momente. Das hebt die Stimmung.
Ein sonniger Tag. Es ist nicht mehr ganz so heiß wie an manchen Tagen in den Wochen davor. Trotzdem bringen mich der steile Aufstieg und der schwere Rucksack ordentlich zum Schwitzen. Beim Aufstieg begegne ich einem Hirsch, ein beeindruckendes Tier. Ende August, bald beginnt die Brunft. Das Licht ist noch schwach und die Position des Hirsches ist nicht gut. Kein gutes Foto, trotzdem spannend und möglicherweise ein Vorbote für weitere tolle Momente. Das hebt die Stimmung.
An meiner Zielposition verbringe ich dann zwei Stunden wartend. Ich sehe Tannenhäher, Felsenschwalben, Kolkraben und einen Turmfalken und eine einzelne Gämse. Leider keine Bartgeier. Der anfänglichen Euphorie weicht die Ernüchterung. Ich wechsle die Position, um die weiteren häufig genutzten Sitzwarten der Geier zu inspizieren. Leider nichts. Ich warte noch eine Stunde und beschließe dann, weiter aufzusteigen. Ich gebe die Hoffnung nicht ganz auf, heute noch einen Bartgeier zu sehen, aber die Wahrscheinlichkeit sinkt.
Das erste Mal, dass ich im Kaunertal Gänsegeier sehe.
Ich steige dann noch ein Stück auf, um dann zu einer einfacheren Abstiegsroute queren zu können. Dazwischen mache ich mehrmals Pause zum Inspizieren mit dem Fernglas. Von hier kann ich nämlich auch den Bereich zwischen Pfroslkopf und Glockhaus gut einsehen. Vor zwei Wochen habe ich dort erstmals Gänsegeier im Kaunertal beobachtet. Mehr als zwei Stunden lang sind sie das Gebiet bei bester Thermik abgeflogen, bis sie dann Richtung Süden verschwunden sind.
Das erste Mal, dass ich im Kaunertal Gänsegeier sehe. Zwar "nur" in rund zwei Kilometern Entfernung, auf den Fotos gerade groß genug, um die Art zu erkennen. Die Woche darauf bin ich dann extra zur Tauferer Spitze aufgestiegen, in der Hoffnung, dass sie noch einmal auftauchen würden. Eine sehr schöne Tour, dennoch leider ohne Erfolg, was Wildtierbegegnung oder Fotoausbeute betrifft.
Gegen dreizehn Uhr begann ich abzusteigen, als plötzlich, wie aus dem Nichts, wie so oft bei diesen Begegnungen, ein großer Vogel auftauchte. Erster Reflex, womöglich ein junger Bartgeier. Dann sah ich die Schwanzform, kein Bartgeier. Der Kopf, ok, ein Gänsegeier. Wenn man nicht mehr damit gerechnet hat, eine großartige Überraschung. Ich entledigte mich sofort meines Rucksacks, um freier fotografieren zu können. Der Geier drehte zwei, drei neugierige Runden, ich schoss so viele Fotos wie möglich, bis er dann nach etwas mehr als einer Minute über den Grat Richtung Südwesten davonflog.
Die Sichtung der Gänsegeier ist jetzt mein drittes Highlight zum Thema Geier im Kaunertal. Die brütenden Bartgeier, eine Begegnung mit zwei ausgewilderten Mönchsgeiern aus Frankreich am Atemkogel letztes Jahr. Jetzt die Gänsegeier. Zweimal innerhalb von zwei Wochen. Das ist eine super erfreuliche Entwicklung. Bleiben noch die Schmutzgeier, die hab ich bisher leider nur im Alpenzoo gesehen.